A11

Herkunft: Georgien/Tbilissi

5 Objekte aus Wachs, länglich, gelb, ca. 15 cm hoch. Am oberen Ende ein weißer Bauwollfaden. 1 Objekt aus Holz und Papier in Plastik verpackt. Eine dünne Platte ca. 5 cm lang. Auf dem Papier ist eine Person abgebildet, sie zeigt ihre Hände, um ihren Kopf ist ein gelber Kreis. Sie trägt einen Bart und kurze Haare sowie ein blaues Gewand, der Hintergrund ist türkisfarben. Schriftzug rechts und links der Person sowie auf einem Zettel der an die Plastikverpackung angeheftet ist.

Geschichte: Im Februar 2016, als wir das erste Semester unseres Erasmus in Istanbul beendet hatten, wollten meine Freundin Katrin und ich für zwei Wochen verreisen. Während einer kleinen Kunstausstellung hatte ich von „Ani“, der Hauptstadt des ehemaligen armenischen Königreichs, erfahren, ein Ort der heute ganz im Osten der Türkei liegt. Ich war beeindruckt von den Überresten der einstigen Großstadt, den Ruinen armenischer Kirchen inmitten einer steinigen, rauen Landschaft im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Armenien. Da wollte ich hin! Die Reise führte uns schließlich nicht nur nach „Ani“, sondern noch weiter über die türkische Grenze bis nach Georgien…

Von Istanbul flogen wir los, einmal über die ganze Türkei, bis nach Kars. Hier war alles weiß, von Schnee bedeckt, bei eisigen Temperaturen von bis zu -20 C. Darauf waren wir allerdings vorbereitet, auf einem Markt in Istanbul hatten wir uns gestrickte Wollhosen gekauft, die wir nun unter unseren eigentlichen Hosen trugen. Sehr kratzig und nicht gerade stylisch, aber sie erfüllten ihren Zweck! Über Couchsurfing hatte ich Yilmaz angeschrieben, der zusammen mit seinen Freunden in einer WG lebte, Studenten der Kafkas Üniversitesi (wobei Kafka nicht für Franz Kafka, sondern für Kaukasus steht). Er nahm uns bei sich auf und zeigt uns die folgenden Tage die Stadt und ihre Umgebung. So machten wir Ausflüge zum zugefrorenen Cildirsee, gingen in nahegelegen Bergen Snowboard fahren und liefen durch die zugefrorenen Straßen der Stadt. Kars ist bekannt für seinen Käse, auf einem großen Käsemarkt werden bergeweiße Käse verkauft und von dort aus in die ganze Türkei verteilt. „Kaşar peyniri meşhurdur, soğuğu yamandır” , was man in der Türkei über Kars sagt, trifft auch unseren ersten Eindruck ganz gut, zu Deutsch: „Sein Käse ist berühmt und seine Kälte im Winter ist streng”. Neben dem Käse ist Kars aber vor allem politisch und geschichtlich bedeutend. Orhan Pamuk thematisiert in seinem Roman „Schnee“, der in Kars spielt, seine konfliktreiche Geschichte und aktuelle politische, religiöse und kulturelle Spannungen. Vor Ani war Kars im 9.Jhd. die Hauptstadt des armenischen Königreiches, gehörte dann lange Zeit zum Osmanischen Reich, bis zum 1. Weltkrieg wurde es 40 Jahre lang russisch regiert, wurde wieder türkisch und dann wieder armenisch, bis es mit dem Genozid an den Armeniern wieder Teil der Türkei wurde. Kars ist nicht nur in der Zusammensetzung der Bevölkerung, sondern auch in seinen Architekturstilen eine Schnittstelle von armenischer, georgischer, kurdischer, russischer, griechischer und türkischer Kultur. Die ehemalige armenische Kathedrale ist heute eine Moschee. Im Puschkin-Restaurant, welches sich in einem der Steinhäuser aus der russischen Zeit befindet, wird türkische und kaukasische Küche serviert. Politische Spannungen zwischen Armenien und der Türkei sind nicht Geschichte, sondern höchst aktuell. Der türkische Bildhauer Mehmet Aksoy entwarf das „Denkmal der Menschlichkeit“, das in Kars aufgestellt, aufgrund seiner Größe von 35 Metern auch von Armenien aus zu sehen sein sollte und ein Versuch der Versöhnung zwischen der Türkei und Armenien darstellte. Der Abriss der Statue wurde 2011 von Erdogan persönlich verordnet. Auch unser Besuch der Ruinen von Ani ist von den politischen Kämpfen gezeichnet. Bis 2011 war das Gebiet, da militärisches Sperrgebiet, noch nicht für Touristen zugänglich. Erst seit 2016 Weltkulturerbe, ist die Stätte auch heute wenig touristisch besucht und schlecht erschlossen. Es wird wenig bis keine Information, vor allem über ihren armenischen Ursprung und ihre Bedeutung, bereitgestellt. Ani ist seit mehr als drei Jahrhunderten verlassen, vor rund 1000 Jahren war sie allerding eine wichtige Stadt der nördlichen Seidenstraße, mit einmal 100 000 Einwohnern, auch bekannt als „Stadt der 1001 Kirchen“. Immer wieder lag sie unter Herrschaft ihrer Nachbarländer, der Seldschuken, des Königreichs Georgiens, der Mongolen, des Osmanischen Reichs aber auch des Russischen Reichs. Die Grenze zwischen Armenien und der Türkei ist auf Grund der politischen Spannungen zwischen Aserbaidschan und Armenien geschlossen. Die einzige Eisenbahnstrecke wurde nach der Unabhängigkeit Armeniens 1991 geschlossen. Weshalb unsere Reise nicht weiter nach Armenien, sondern Georgien führte. Aber auch die Fahrt über die georgische Grenze war nicht einfach.

Von Kars ging es für uns mit einem Minibus weiter in Richtung Georgien, wir mussten einige Male umsteigen und schlussendlich mit einem Taxi über die Grenzen fahren, weil man diese nicht zu Fuß überqueren durfte. Von einer Landschaft mit vielen Moscheen, kamen wir in eine, in der auf jedem Hügel Kreuze aufgestellt waren und kleine Schreine mit Bildern von Heiligen den Straßenrand zierten. Der Weg nach Tbilissi verlief durch wunderschöne grüne und verschneite Landschaften, an alten Bauernhäusern, Flüssen und Bergen vorbei. In Tbilissi am Busbahnhof angekommen, war die Verständigung nun noch etwas schwieriger, da wir die georgischen Schriftzeichen nicht lesen konnten. Irgendwie fanden wir trotzdem zu einem Hostel in der Innenstadt. Die nächsten Tage liefen wir einfach los durch die Altgassen von Tbilissi, vorbei an Straßenmärkten, alten Häusern und sehr vielen Kirchen. Da es auch hier bis zu -25 C hatte, hatten wir immer einen kleinen Flachmann bei uns, der uns wenn wir nicht gerade in einem der dunklen aber sehr gemütlichen Restaurants die vielfältige Küche Georgiens genossen, ein bisschen Wärme schenkte. Einmal gingen wir auch in eine öffentliche Badeanstalt, um unsere durchgefrorenen Körper aufzuwärmen. Wir waren überrascht nicht ein Schwimmbecken vorzufinden, stattdessen einen großen gefliesten Raum mit riesigen Duschen unter denen man sich stundenlang wusch und jegliche Körperreinigung betrieb, was mich ein wenig an das türkischen Hamam erinnerte. Ansonsten hatte das Land, jedenfalls für mich als Touristen, bis auf einige Lebensmittel und abgewandelte Gerichte sowie den Marschrutkas, kleine Minibusse, eine georgische Variante des türkischen Dolmus, sehr wenig mit seinem Nachbarland gemeinsam. Vielmehr dachte ich immer, Georgien müsste geografisch eigentlich auf der anderen Seite der Türkei neben Bulgarien liegen…

Nach zwei Tagen stellte sich heraus, warum wir mit einem Pärchen aus Hongkong die einzigen Gäste des Hostels waren. Als wir abends nach einem langen Tag zurückgekehrt waren, kamen wir in den Genuss eines Supra, eines traditionellen georgischen Abends. Das Hostel war voll mit Menschen die an einer langen Tafel saßen, den Hauswein des Besitzers tranken und georgische Trinksprüche aufsagten und Volkslieder sangen – ein Fest, denn das Hostel würde nach dem wir gegangen waren schließen. Wahrscheinlich eher aus persönlichen Gründen, denn Georgien – „wo Europa und Asien einzigartig verschmelzen“ – verzeichnete in den letzten Jahren einen starken Anstieg im Tourismus und gilt als Trendreiseziel für Entdecker und Neugierige. Vor allem aber die abwechslungsreiche Küche, gespeist von unterschiedlichen Kulturen und der klimatisch bedingten Vielfalt an Lebensmitteln, gilt als Touristenattraktion.

So lässt sich zusammenfassen: Eine Reise mit viel Geschichte, leckerem Essen, Wein und vor allem vielen Kirchen! Ich sah hier mehr Kirchen von Innen als in meinem ganzen vorherigen Leben. Ein bisschen verzaubert von den schönen Kerzenbeleuchtungen kaufte ich dann auch eines Tages einer der älteren Frauen, die vor jeder Kirche Kerzen und Heiligenbilder verkauften, mein einziges Souvenir ab. An kleinen Klapptischchen wurden die dünnen, gelben Kerzen in Päckchen gebündelt und in Zeitung eingeschlagen verkauft, um sie anschließend in der Kirche anzuzünden, wie das auch in Kirchen in Deutschland gemacht wird. Das habe ich nur einmal gemacht, für meinen verstorbenen Opa, als ich noch ein Kind war. In georgischen orthodoxen Kirchen werden diese in schöne Behälter mit Sand gesteckt und machen einen Großteil der Innenbeleuchtung der Kirchen aus, was ein warmes gelbes Licht erzeugt. Wie alle orthodoxen Kirchen sind auch die georgischen reichlich mit viel Gold und Glanz und Wandgemälden und Mosaiken von Heiligen geschmückt. Der größte Teil der Georgier ist sehr gläubig, 83% gehören der orthodoxen Kirche an. Warum kaufe ich mir als Atheistin also Kerzen und ein kleines Heiligenbild, von einem, dessen Namen ich nicht einmal kenne, frage ich mich heute. Ich glaube die Kerzen habe ich aus rein ästhetischen Gründen gekauft, weil ich gerne Kerzen anzünde und mir diese besonders gut gefallen. Das Heiligenbild wohl eher weil ich es irgendwie exotisch fand. Vielleicht trifft es hier auch – cultural appropriation – kulturelle Aneignung ganz gut. Ein Begriff, der eigentlich vor allem genutzt wird, wenn kulturelle Objekte oder Kleidungsstiele aus marginalisierten Gruppen von dominanten Gesellschaftsgruppen als Statussymbol oder Accessoire angeeignet werden, ohne dass der eigentlichen kulturellen Wert übernommen wird. Wohingegen die Menschen dessen Kultur man sich „bedient“ auf Grund ihrer Andersartigkeit, also genau diesen bestimmten Bräuchen oder auf Grund ihres Aussehens, Diskriminierung erfahren. In meinem Beispiel geht es nicht um Diskriminierung, aber ich übernehme als Touristin einen Gegenstand aus einer anderen Kultur, ohne dessen eigentlichen Wert für die Kultur zu „respektieren“ bzw. zu kennen, für mich ist er neben Erinnerungsstück auch Dekoration. Jedenfalls trifft dies auf das Heiligenbild zu. Die Kerzen dagegen sind zusätzlich noch Gebrauchsgegenstand. Ein vergängliches Souvenir – mir bleiben heute nur noch 5 Stück- aber vielleicht auch eines, das besonders stark erinnern lässt, in einer kleinen 20-minütigen Erinnerungszeremonie – die Brenndauer einer Kerze. Mit dem kleinen Päckchen kann ich mir den Innenraum der Kirchen ein wenig in mein Zimmer holen. Ich konnte kein Souvenir aus Ani mitnehmen, dafür aber eine Erinnerung aus den georgischen Kirchen. Eine Zeit, während der ich jedes Mal an unserer Reise nach Kars, die Kirchenruinen von Ani, die kalten Straßen Georgiens, die alten Häuser Tbilissis, die goldenen Dächer der Kirchen und ihrer warme Innenbeleuchtung denken muss. Aber auch an die grünen und verschneiten Landschaften, die Felsen und Berge und natürlich an meine Freundin Katrin. Sie hat sich nach langem Suchen einen großen Teppich mit traditionell georgischen Motiven gekauft, den wir dann unseren ganzen Weg zurück transportieren mussten, der über die Stadt Bojomi, bis nach Kars und dann wieder zurück nach Istanbul führte. Von Kars aus nahmen wir den Zug, eine Reise die zwei Tage und eine Nacht dauerte und Zeit zum reflektieren gab. Die Landschaft floss an uns vorbei, die erste Hälfte war das Weiß dominant, dann wurde es steiniger und bewegter…bis die Häuser, Straßen, Beschilderung und Menschen mehr wurden und wir langsam wieder zurück in die Großstadt Istanbul einfuhren..

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